Als ich vor einigen Monaten meinen zu sieben Achteln verwesten Benjaminus Ficus auf die äußere Fensterbank meines Küchenfensters verbannte, konnte ich ja noch nicht ahnen, was sich in diesen Tagen auf eben dieser abspielen sollte.
Der kleine Benjamin profitierte wohl noch ein paar Wochen von der ungewohnten Situation, spuckte ein paar frische Blätter aus, dann starb er wohl endgültig. In dem kleinen Hinterhof eines durchschnittlichen Köln-Klettenberger Mietshauses hatte er anscheinend zu wenig Sonne bekommen, ein großer Baum ließ ihn im Schatten stehen. Überlegungen, den kleinen Benjamin zu entsorgen gab es viele. Aber er blieb weiterhin auf der Fensterbank stehen.
An einem schönen Samstag oder Sonntag Morgen, es ist wohl März, vielleicht auch April, sitzen Stefan und ich am Frühstückstisch, als eine Amsel sich auf die Küchenfensterbank verirrt und den toten Benjamin inspiziert. Wir schauen gebannt zu – das hatte es zuvor noch nicht gegeben, fast hätte Stefan sein Brötchen fallen lassen. Sie flog jedoch flugs wieder weg und wir nahmen unser Frühstück wieder auf.
Diese Situation wäre wohl schnell wieder vergessen gewesen, hätte ich mich nicht in den letzten Wochen mehrere Male gewundert, warum meine Küchenfensterbank so derartig dreckig und verwüstet ist. Ich schob es auf den fiesen Platzregen der letzten Tage, dennoch wiederholte sich diese Situation in den nächsten Tagen auch ohne Regen wieder.
Da ich zur Zeit mit fiesen Röggeping (für alle Nichtkölner: Rückenschmerzen) für einige Wochen zu Hause bleiben muss, konnte ich Anfang letzter Woche den Übeltäter ausmachen: Frau Amsel. Sie kratzte, buddelte, drückte, zog, werkelte was das Zeug hielt. Langsam dämmerte es mir. Sie baut ein Nest in Benjamins Blumentopf!
Nachdem sie also ein faustgroßes Loch gegraben hatte, begann sie damit, mit ihrem Bauch das Loch platt zu drücken. Anschließend flog sie weg, um im Minutentakt mit kleinen Ästchen, Gräsern und trockenen Blättern zur Baustelle zurückzukehren, um die Mulde auszukleiden. Gegen 17 Uhr am Mittwoch Abend machte sie Feierabend und verschwand. Was blieb, war ein perfekt ausgestattetes, kleines, gemütliches Amselnest im Blumentopf auf einer Fensterbank eines Hinterhofes in Köln-Klettenberg.
Frau Amsel kam wieder. Sie machte es sich den kompletten Donnerstag und Freitag im Nest gemütlich.

Am frühen Freitag Abend kam Stefan dann nach Hause, ganz aufgeregt erzählte ich ihm was ich ihm schon zehn Mal am Telefon erzählt hatte und zusätzlich per Mail im Detail aufgeführt hatte. Gaaaaanz langsam schlichen wir in die Küche. Frau Amsel war weg. Wir gingen zum Fenster. Stefan sah als Erster, was ich zuvor gar nicht bemerkt hatte: Sie hatte ihr erstes Ei gelegt!

Wir fielen uns um den Hals – wir werden Amseleltern! Wer mich kennt weiß, dass es mein größter Wunsch ist, einmal ein Küken nah und live zu sehen oder gar auf der Hand zu haben, was wahrscheinlich nur bei Hühnerküken möglich ist. Mehrmals die Woche besuche ich die Internetseite “Ein Küken schlüpft“. Ich bin 31 Jahre alt. Das aber nur nebenbei.
Stefan und ich sind also außer Rand und Band, aber während wir zu Abend essen wächst die Sorge: Wo ist Frau Amsel? Warum lässt sie ihr Ei allein?
Nur kurz mache ich mir Sorgen um Stefan, der beim Anblick des bläulich-grünlichen gesprenkelten Eis sofort an ein Krokant-Ei denkt, aber schnell wieder zur Besinnung kommt und ersatzweise ein Schokoladeneis vor die Nase gestellt bekommt.
Ein Anruf beim Vogelexperten Papa Gubatz und der Besuch diverser Amsel-Internetseiten bringt Gewissheit: Das ist normal, sie wird wiederkommen, schließlich muss auch sie fressen und trinken. Schnell verwerfe ich den Gedanken, in der Zoohandlung ein paar Würmer zu kaufen.
Wir fragen uns, wo Herr Amsel eigentlich ist. Ist Frau Amsel, mittlerweile zärtlich “Amsi” genannt, etwa alleinerziehend?
Als wir am späten Abend aus der Therme wiederkommen, sitzt Amsi wieder an ihrem Platz und schläft. Beruhigt und groggy gehen auch wir schlafen.
Am Samstag Vormittag ist Frau Amsel wieder “opp Jöck”, quasi unterwegs, und wir haben die Möglichkeit, an die auf der inneren Fensterbank drapierten Elektrogeräte wie Wasserkocher und Toaster zu gelangen, die wir, wenn sie im Nest sitzt, nicht benutzen, um sie nicht zu erschrecken.

Beim Frühstück sagt Stefan plötzlich “Da ist sie ja!” und wir stutzen – nein das ist nicht unsere Amsi, sie ist nicht schwarz… es ist Herr Amsel! Mit einem Wurm im Mund. Ich bin erleichtert, Stefan auch. Sie ist also nicht allein. Herr Amsel kommt in den nächsten Tagen öfter, wenn auch nur kurz.
Als wir nachmittags vom Einkauf zurückkommen, ist das Nest wieder verwaist, wir schauen vorsichtig hinein und können es kaum glauben: Amsi hat ihr zweites Ei gelegt!

Wir hüpfen vor Freude durch die Küche, haben Tränen in den Augen, langsam wird klar: Bald werden kleine Amselküken auf unserer kleinen Fensterbank schlüpfen und einen Riesenradau machen!
Frau Amsels Ausflüge werden immer kürzer, sie sitzt auf ihrem Nest, plustert sich auf, schläft ein Ründchen, schaut immer wieder unter ihrem Bauch nach ob alles in Ordnung ist. Stefan und ich tapsen immer wieder in die Küche, gucken, staunen, freuen uns.
Am heutigen Montag Morgen zur Arbeitnehmerfrühstückszeit um halb sieben ist das Nest wieder unbewacht, kurz schaut Herr Amsel nach dem Rechten. Als Stefan das Haus verlässt, sitzt Amsi wieder träge an ihrem Platz. Auch als ich um halb zwölf von der Physiotherapie komme, ist sie wieder auf Würmersuche. Ein kurzer Blick ins Nest bestätigt Stefans und meine Vermutung und den im Internet beschriebenen Zwei-Tages-Takt: Das dritte Ei liegt im Nest.

Was sich in den nächsten Tagen ereignen wird, wissen wir nicht.
Gerade in diesen Minuten, ich mache mir mangels Wasserkocher Kaffeewasser auf dem Herd warm, schläft sie. Wenn ich in die Küche komme, wird sie meist wach und guckt, hat aber keine Angst. Ich bewege mich ganz langsam, ich spreche mit ihr. Es ist ein kleines Wunder, was gerade hier passiert.
Vor einigen Wochen habe ich eine Textpassage von den Editors per Kreidemarker auf mein Küchenfenster geschrieben, “love replaces fear” steht dort. Und mit der kleinen mutigen Amsi, die ausgerechnet bei mir ihre Küken brütet, ist nicht nur “love replaces fear” Programm geworden, sondern auch ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen, egal, was in den nächsten Tagen noch kommen mag.
Selbstverständlich werdet Ihr hier auf dem Laufenden gehalten, was die Amsi und wir mit ihr noch alles erlebt!
Bis dahin…Piep!