Vor einiger Zeit war eine gute Freundin meinerseits mit guten Freunden ihrerseits in der Kölner Innenstadt unterwegs. Die Laune war gut, man feixte und lachte und sprach den Plan aus, sich gegen Abend einigen alkoholischen Getränken zuzuneigen, in der Absicht, noch mehr zu feixen und zu lachen. Am Chlodwigplatz kam man an einem Reformhaus vorbei, als plötzlich zwei ihrer guten Freunde anfingen zu tuscheln und kurz darauf vorschlugen, man könne sich den Abend doch mal mit besonders gesundem Schaumwein betrinken, sie hatten von einer besonders guten Marke gehört, die in diesem Reformhaus erhältlich war. Daraufhin schickten sie besagte gute Freundin mit Kaufauftrag zu einer Verkäuferin, um zu fragen, wo denn der Natursekt stehe. Im Gegensatz zu den sogenannten guten Freunden meiner Freundin fand die Verkäuferin diese Frage alles andere als zum Totlachen und quittierte die Anfrage prompt mit Rausschmiss und Hausverbot. So kanns gehen. Ach ja, die Platte! Ganz okay würd ich mal sagen. (4/6) Sanomat
Eines meiner momentanen Lieblinslabels ist eindeutig Connaisseur Records und in diesem Zusammenhang insbesondere das Superieur-Imprint. Das liegt nicht nur an der durchweg interessanten Musik und dem stets gelungenen Artwork, einen besonderen Pluspunkt bekommt das Label um Alex Flitsch und Martin Henkel zudem für die zahlreichen mutigen Investitionen in neue Artists. Einer dieser Artists ist der aus dem Technoforum bekannte Rosenheimer Pele alias Patrick Gallenmüller. Dieser präsentiert auf seinem Superieur-Erstling einen deepen Track, den er in monatelanger Arbeit immer weiter entwickelt hat und dessen ganz große Momente ganz klar in den einlullenden Chords liegen, bei denen man fast wieder das Fähnchen “Detroit” hochhalten könnte, muss man aber auch nicht, soweit ich weiß, gibt es auch außerhalb von Detroit Produzenten, die Chords benutzen. Schnell noch mal in Seite B reingehört – der Kollektiv Turmstraße-Mix ist eigentlich ein eigenständiger Track, der mal kurz einzelne Elemente des Originals vorbeihuschen lässt, mir aber mit seiner mittlerweile recht gängigen Mischung aus Minimal und Neotrance nicht allzu lange im Ohr bleibt. Ich bleib beim Original. (5/6) Sanomat
Nerd-Musik für Fortgeschrittene. Roger Semsroth alias Sleeparchive zieht auf “Papercup” sämtliche Register seiner Klangerzeuger, Kompressoren und Effektgeräte und programmiert eine fast unerträglich kalte, aber doch hoch faszinierende Nummer, die mal rauscht, mal verzerrt, mal durch den Raum fliegt und mal im Keller eingesperrt erscheint, aber immer drückt wie überfüllte Berufsverkehr-U-Bahnen oder Bulldozer, die einem versehentlich über den Fuß fahren. Einen derartig dicken Bass habe ich darüber hinaus auch schon ewig nicht mehr gehört. Die B-Seite namens “MRI scanner” ist dagegen ein eher ambientes Stück Musik, obwohl die Begriffe “Ambient” und “Musik” schon lange nicht mehr so ad absurdum geführt wurde. Um ehrlich zu sein, löst diese seltsame Radiowellen-Morsecode-Bassterror-Nummer leichte bis schwere Panikattacken in mir aus, dass ich vermutlich noch einige Jahre brauche, um mich an die komplette Spielzeit heranzutasten. Faszinierend, beklemmend, aber doch ganz vorne dabei. (6/6) Sanomat
Es scheint das Jahr der unerwarteten Comebacks zu sein. Vor zwei Monaten steckte schon Pete Lazonby seinen Kopf mal wieder durch die Tür, jetzt lässt sich auch das alte R&S Urgestein mal wieder blicken. Und er kommt nicht alleine, sondern hat noch einen Kollegen dabei, den man jetzt erst mal nicht auf einer Dave-Angel-Platte vermuten würde, aber nach einmaligem Durchhören des Tracks “Mothership” macht alles direkt wieder Sinn. Besagter Track ist nämlich eine Kollaboration zwischen Angel und Parliament-Grandmaster George Clinton, der auf dieser gleichermaßen zeitgemäßen wie auch zeitlosen Nummer die Vocals beisteuerte. Das Ergebnis ist hochgradig tanzbar und zerrt müde Gesellen mit einem charmant-schrägen Lächeln auf den Dancefloor. “Sheba”, der zweite Track im Bunde legt den Fokus auf vertrackte, aber doch eingängige Beats, herrlich warmen Gesang und Harmonien und Melodien, für die man Dave Angel immer schätzte. Nichts verlernt, eher voll auf der Höhe der Zeit und die Tatsache, dass diese 12″ das erste Release auf dem neuen Label “Niah” ist, lässt einen zuversichtlich sein, dass da noch so einiges auf uns zukommt. So. Und jetzt kram ich noch mal die alte X-Mix raus. (6/6) Sanomat
Die Bundesregierung hat vor einigen Wochen die Initiative “Fit statt fett” gestartet. Alles quatsch, meint Elec Pt.1, fett statt fit ist angesagt – und so hat sich besagter Protagonist vor einiger Zeit auf seinen dicken Hintern gesetzt und gleich fünf außergewöhnlich voluminöse Bretter in die Rillen gedrückt, die sich nicht etwa nach handverlesener Schonkost, sondern nach ordentlich Triplewhopper XXL mit großer Pommes-Majo und 0,5 l Schokoshake anhören. Da rülpsen die glutamatig-würzigen Drums, die 303 schmatzt mit offenem Mund und wischt sich mit den zähen Strings den fettigen Mund ab, dass die bemüht gesund lebenden Fit-for-Fun- und Men´s-Health-Hemdchen ängstlich von der Tanzfläche fliehen. Ein paar Meter daneben steht Elec Pt.1, grinst breit und freut sich schon auf das nächste Maxi-Menu. (6/6) Sanomat
“The Whole Church should get drunk” fordert eine Stimme im Intro und selbst wenn man sich gerade nicht in einer solchen Lokalität aufhält, scheint ein gepflegter Leicht- oder Vollrausch im Kreise seiner Freunde die ideale Voraussetzung zu sein, um sich in diesem musikalischen Wahnsinn zurecht zu finden. Norman Cook, manchen auch bekannt als Fatboy Slim, hat sich für die erste CD im Bunde sein Mighty-Dub-Katz-Kostüm angezogen und schickt in bester Brighton Beach-Manier einen Kracher nach dem nächsten durch die Boxen der geneigten, angeschickerten Festgemeinde. Und ganz wie man es erwarten darf, gibt es einen Streifzug durch seine Disco House-Archive, gespickt mit allerlei Big Beat-Experimenten und natürlich immer mit den nötigen “Put your hands in the air!”-Anfeuerungen. Das ist schräg, das ist auch ein bisschen debil und man muss immer irgendwie aufpassen, dass nicht die niedersten Instinkte in einem plötzlich Überhand nehmen. Aber für eine gelungene, nicht allzu anspruchsvolle Sause im Partykeller oder einer Kirche nach Wahl, genau das richtige Material. Mööööp! (5/6) Sanomat
Anspieltipps:
Percy Filth - Show Me Your Monkey
Mighty Dub Katz - Let The Drums Speak
Mighty Dub Katz - Just another Groove
Ihren Hang zu elektronischen Vollsongs beweisen die Kölner Kompakt-Jungs und -Mädchen auch mit dieser epischen Platte der Rice Twins. Auf “Can I Say” dominiert ein in Delay-Netzen verstricktes Piano, das mich irgendwie seltsam an eine Kindersendung der 80er Jahre in der ARD erinnert. Ich will aber gar nicht ausschließen, mich in diesem Punkt zu täuschen. “Goatee” auf Seite B (was übrigens nichts mit bevorzugten Getränken seltsam neonbunt angemalter Waldhüpfer zu tun hat) nimmt sich ebenso die Zeit, einen kolossalen Track aufzubauen, der vollkommen in Seifenschaum eingelullt seine Wege durch flirrende, leicht metallische Melodien und verschachtelte Pianosequenzen geht, dem momentan immer größer werdenden Neotrance-Trend die lange Nase zeigt und seinen ganz eigenen Film fährt, dem man durchaus den Preis für das beste Drehbuch verleihen könnte. Und wenn die Preisträger dann noch behaupten, sie hätten gar keine Rede vorbereitet, dann glaubt man es ihnen sogar. (5/6) Sanomat
Der umtriebige Carl Finlow hat nach endlosen Releases auf mehr Labels als ich Finger besitze die Zeit gefunden, auch noch den Erstling für das neue Label “Green Light” aus seinen Gerätschaften zu zaubern. Und mit “zaubern” liegt man gar nicht so falsch, sind doch insbesondere “Swoon” und “Islands” Vorzeigenummern, wenn es um deepen Techno geht. Da schwurpen die Synths, da wabert die Fläche und an den wippenden Fuß wurde natürlich auch gedacht. Die knackigste Nummer der Sammlung ist übrigens “Blue” auf B2, welches grundsätzlich in einer ähnlichen Stimmung bleibt, aber durch seine würzige Bassline-/Drum-Kombi in punkto Dancefloor-Affinität noch einen drauf setzt. Gelungener Einstand. (5/6) Sanomat
Früher auf der Berufsschule sagte man: “fällt dem Gestalter nichts mehr ein, fügt er eine Linie ein”. Angesichts der nur einseitig bespielten 12″ “Bang” von Phonique spitze ich meine Feder und gebe bekannt: “Fällt dem Produzenten nichts mehr ein, probiert er einfach mal die Tonleiter durch”. Das mag man zwar angesichts dieser doch… äh… originellen Melodie sicherlich erst mal denken, allerdings verwandelt diese Eigenschaft den ansonsten recht knackigen und doch irgendwie verhalten groovenden Track in eine Grinse-Nummer, die man einfach im Kopf und im Case behält. (4/6) Sanomat
Marc Schneider wird von Buddah angerufen und ist der Meinung, deswegen gleich einen derartig fetten Stomper produzieren zu müssen, der mit herrlichen Oldschool-Vibes auf der Tanzfläche sicherlich so manchen bekehren wird. Alleine die Bassdrum ist schon umarmungswürdig, hat man ein so breites Frequenzspektrum des Königs der Techno-Percussions in letzter Zeit kaum zu hören bekommen. Dazu gibts eine Stab-Melodie, die man vielleicht auch auf Strictly Rhythm hätte entdecken können, 909-Snare-Figuren und sehr lässige Vocals, dass ich mir vor Freude eine kleine Träne wegwischen muss. Danke, Buddah, wo kann ich unterschreiben? Der Sound auf Seite B rückt dagegen ein kleines Stück in Richtung Minimal, zu gedrosseltem Tempo gibt es allerdings nicht nur gängige Tom-Sequenzen, sondern gottseidank sogar noch einen ganzen Track drumrum! – ein Feature, das viele Produzenten in letzter Zeit ja gerne mal vergessen. Und mit genau diesem nervös mahnenden Track schreitet Schneider zielstrebig in Richtung Siegertreppchen, um sich die goldene Medallie in Form der Höchstpunktzahl abzuholen. Sehr gute Arbeit! (6/6) Sanomat
Das Berliner Label Mobilee schmeißt ein neues Subunternehmen namens “Leena” in den Ring, das musikalisch noch etwas freier als das Mutterlabel daherkommt. Für Katalognummer 1 sorgt Holger Zilske, der den meisten vermutlich eher als Smash TV geläufig ist. Ob man für diese Platte nun extra ein neues Label aus der Taufe heben musste, sei mal dahingestellt, “Enduro Disco” auf Seite A hätte sicherlich auch auf Mobilee erscheinen können, lediglich die Grundstimmung ist – gerade durch die sehr frei schwebende und durch weite Hallräume geschickte Melodie – noch eine Idee entspannter als bisherige Releases. Über die musikalische Qualität muss ansonsten gar nicht viel gesagt werden, wer den Smash TV Standard kennt, der weiß, dass man hier bedenkenlos zugreifen kann. A propos Zugreifen: genau das sollte man vor allem bei der knackigen B-Seite, die durch düstere, plumpe Chords einen angenehmen Schuss Detroit mit ins Spiel bringt und den etwas morbiden Track “Aura” zur Empfehlung der Platte machen. Gutes Zeug. (5/6) Sanomat